Der Wile-E.-Coyote-Moment

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Warum Märkte erst fallen, wenn alle hinschauen

Der sogenannte „Wile E. Coyote Moment“ an der Börse ist eine eindrückliche Metapher für eine Situation trügerischer Sicherheit. Wie im Cartoon läuft der Kojote scheinbar mühelos über den Rand einer Klippe hinaus – und bleibt einen Moment lang in der Luft stehen. Erst als er nach unten schaut und den Abgrund erkennt, stürzt er ab.  Genau diese zeitverzögerte Wirkung der Schwerkraft beschreibt mitunter die ökonomische Realität: Märkte können fundamental angeschlagen sein und dennoch weiter steigen – bis ein Katalysator den kollektiven Blick nach unten erzwingt.

An den Finanzmärkten zeigt sich ein solcher Wile-E.-Coyote-Moment typischerweise in Phasen scheinbarer Stärke. Die Kurse steigen weiter, Bewertungen sind hoch, Warnsignale werden ignoriert. Jahresprognosen schreiben den Trend der Vergangenheit einfach fort. Risiken sind bekannt, aber sie werden nicht ernst genommen. Nicht aus Unwissen, sondern aus psychologischer Bequemlichkeit. Ökonomen wie Paul Krugman nutzen diese Metapher, um genau vor dieser Selbstzufriedenheit zu warnen – vor Märkten, die nur deshalb stabil wirken, weil niemand den Mut hat, den Realitätscheck zu machen.

Warum reagieren Märkte nicht auf offensichtliche Warnzeichen?

In seinem Essay “Why Aren’t Markets Freaking Out? argumentiert Paul Krugman, dass Märkte meist erst nach massiven Schocks reagieren, nicht davor: „My read of economic and financial history is that market pricing almost never takes into account the possibility of huge, disruptive events, even when the strong possibility of such events should be obvious. The usual pattern, instead, is one of market complacency until the last possible moment. That is, markets act as if everything is normal until it’s blindingly obvious that it isn’t.”

Der entscheidende Punkt dabei: Märkte sind nicht vorausschauend rational, sondern kurzsichtig. Sie spiegeln nicht das wider, was möglich ist, sondern das, was gerade noch als Konsens gilt. Solange eine kritische Masse glaubt, dass „es schon gut gehen wird“, bleibt der Markt in der Luft.

Wenn Erkenntnis einsetzt – aber zu spät

Ein klassisches Beispiel ist der Corona-Crash 2020. Die globale Ausbreitung des Virus ließ sich Wochen im Voraus verfolgen. Dennoch blieben die Märkte erstaunlich gelassen. Erst als die angsterzeugenden Bilder aus Bergamo über die Bildschirme flimmerten, kam es zum abrupten Einbruch. Das Risiko war nicht neu – es wurde nur plötzlich sichtbar.

Ein ähnliches Muster zeigte sich bei der Zollpolitik von Donald Trump. Die Eskalation war lange angekündigt, klar kommuniziert und politisch gewollt. Doch erst die medienwirksame Verkündigung des Zollhammers im Rosengarten des Weißen Hauses ließ die Märkte einbrechen. Bis dahin hatte man verdrängt, relativiert, beschwichtigt.

Warum? Die Antwort liegt in einer Kombination aus kognitiven Verzerrungen und Massenpsychologie: Konditionierung (Buy-the-dip), Herdentrieb (FOMO), Bestätigungsfehler, das Vertrauen in dominante Narrative („Die Fed wird es schon richten“) und schließlich der Rückschaufehler, der uns glauben lässt, wir hätten alles kommen sehen. Die unausweichliche Folge: Marktteilnehmer realisieren zu spät, dass sie den Boden unter den Füßen längst verloren haben. Der Cartoon-Kojote lässt grüßen.

Die drei Phasen des Wile-E.-Coyote-Moments

Typischerweise lassen sich drei Merkmale erkennen:

Erstens: die trügerische Stabilität.
Wirtschaftsdaten wirken solide, Liquidität ist reichlich vorhanden, die Markttechnik bullish. Die Kurse steigen weiter. Risiken werden ausgeblendet, weil sie (noch) keine sichtbaren Kosten verursachen.

Zweitens: der Moment des Hinschauens.
Ein Ereignis oder eine neue Information zwingt den Markt, die zugrunde liegenden Schwächen wahrzunehmen – etwa überraschend schwache Konjunkturdaten, enttäuschende Unternehmensgewinne oder eine politische Eskalation.

Drittens: der abrupte Absturz.
Nicht schleichend, sondern plötzlich setzt die Korrektur ein. Der Markt fällt nicht, weil sich die Fakten ändern, sondern weil sie nicht länger ignoriert werden können.

Blickt der Markt gerade wieder ins Leere?

Vor diesem Hintergrund stellt sich heute erneut die Frage, ob wir uns wieder in einer solchen Schwebephase befinden. Eskalierende geopolitische Risiken – etwa im Nahen Osten –, fragile Allianzen, wirtschaftspolitische Drohkulissen und neue Zollandrohungen erhöhen die Unsicherheit. Dennoch laufen die Märkte vielerorts scheinbar stabil weiter.

Solange die Mehrheit glaubt, dass der Blick nach unten noch nicht unvermeidlich ist, bleiben die Kurse hoch. Doch genau darin liegt die Gefahr. Der Wile-E.-Coyote-Moment lehrt: Nicht der Abgrund selbst ist das Problem, sondern das Ignorieren seiner Existenz. Die Schwerkraft wirkt bereits – unabhängig davon, ob man sie wahrnimmt.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob es Risiken gibt. Sie lautet, wann genügend Marktteilnehmer gleichzeitig hinschauen und sich der Boden unter den Füßen auftut. Denn erst dann endet der Schwebezustand – und die Realität holt den Markt ein.

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